Von Echnaton über Nero und Leo Trotzki bis heute

Damnatio Memoriae: Heute noch ein probates Mittel?

Vor dem Hintergrund der Aktualität der Black Lives Matter-Debatten und -Proteste ‒ eine Bewegung, die bereits 2013 ins Leben gerufen wurde, deren Brisanz aber seit dem durch Polizisten verursachten Tod des Farbigen George Floyd u.a. an Fahr aufgenommen hat ‒ intensiviert sich in Südtirol die Diskussion um die Umbenennung von faschistischen Straßen- und Platznamen sowie um den Abriss faschistischer Denkmäler, die an die Unterdrückung und Ermordung der schwarzafrikanischen Bevölkerung in Äthiopien unter dem Mussolini-Regime erinnern. Hierbei ist beispielsweise das Siegesdenkmal in Bozen zu nennen. Politiker beinahe aller Parteien haben sich in der Sache bereits geäußert. Der Denkmalsturz ist kein Phänomen der Gegenwart und er hat eine lange Tradition. Es stellt sich dennoch die Frage, ob er in dieser Art und Weise heute noch angebracht und ein probates Mittel ist.

Sturz der Saddam-Statue auf dem Firdos-Platz in Bagdad am 9. April 2003.

Ursprung und Geschichte des Phänomens

Der Terminus damnatio memoriae, der sich zumeist auf die Römische Antike bezieht, meint die Tilgung des Andenkens an eine bestimmte Persönlichkeit durch die Nachwelt. Der Begriff selbst ist eine Schöpfung der Moderne, denn in der Antike wurde der Vorgang als abolitio nominis bezeichnet. Eigentlich wurde diese Namensauslöschung jedoch bereits bei den Ägyptern und bei den Alten Griechen praktiziert und namenhafte Persönlichkeiten sind ihr zum Opfer gefallen: Die Pharaonin Hatschepsut, die sich auf Bildnissen regelmäßig als Mann darstellen ließ, der Pharao Echnaton, Vater von Tutanchamun, der versucht hat den Kult um Sonnengott Aton als monotheistischen Staatskult einzuführen, sowie Philipp V., König von Mazedonien.

Die Römer kannten nicht nur die abolitio nominis, sondern auch die Apotheose (Vergöttlichung), die das Gegenstück zur abolitio nominis darstellte. Beide Prozesse praktizierten die Römer sehr stark, sodass auch für diese Zeit die Liste derer, die der abolitio nominis bzw. der damnatio memoriae zum Opfer fielen, lang und mit prominenten Namen gespickt ist: Von Caligula und Nero über Geta, Commodus und Domitian. Die damnatio memoriae ist nicht nur die Tilgung eines Namens durch die Nachwelt, sondern sie hat verschiedene Formen. Nicht nur der Name der entsprechenden Persönlichkeiten wurde aus allen Inschriften herausgemeißelt, sondern auch die Bildnisse, d. h. Hermen, Statuen, Büsten oder Münzen, wurden zerstört, verunstaltet, beschädigt, eingezogen oder schlicht umgearbeitet. Hierbei muss angemerkt werden, dass eine Umarbeitung natürlich nicht immer vollständig gelungen ist: Nero ließ sich beispielsweise gerne als Künstler mit längerem gelocktem Haar darstellen. Bei einigen der umgearbeiteten Statuen ist noch eine gelockte Haarsträhne im Nacken zu sehen, die auf die Darstellung als Künstler verweist. Die Entscheidung darüber, ob ein Verstorbener divinisiert wurde und damit zum Gott aufstieg oder ob er der damnatio memoriae anheimfiel, wurde nicht vom römischen Senat, sondern einzig und allein von der Nachwelt getroffen. So war Kaiser Claudius im Stande, die vollständige damnatio memoriae seines Neffen Caligula zu verhindern. Außerdem gab es einen Prozess, der sich restitutio memoriae nannte und die Rehabilitierung der Persönlichkeit meinte. Nero ist ein Beispiel für diesen Umkehrprozess. Außerhalb von Rom wurde die damnatio memoriae selten verhängt und in der Spätantike wurde sie selten ausgesprochen, aber Usurpatoren fielen ihr noch zum Opfer, auch der Theoderich der Große wurde noch mit der damnatio memoriae belegt.

Moderne

Auch in der Geschichte der Gegenwart sind Verfahren nachträglicher Ächtung weiterhin praktiziert worden und sind besonders in der Gegenwart eng mit dem Phänomen des politischen Ikonoklasmus verknüpft. Vor allem im Rahmen der Diktaturen und ihrer Propaganda: So wurden unter Stalin Gemälde oder Fotografien nachträglich retuschiert, um beispielsweise den Oppositionellen Leo Trotzki im Rahmen der Stalinistischen Säuberung aus dem Kollektivgedächtnis zu löschen, wobei Stalin selbst im Rahmen der Entstalinisierung der damnatio memoriae anheimgefallen ist. In der DDR wurden geflüchtete Sportler aus Rekord- und Bestenlisten gestrichen. Ein Bild des politischen Ikonoklasmus, das sicherlich große Aufmerksamkeit bei der Weltöffentlichkeit erhalten hat und Geschichte geschrieben hat, ist der Sturz der Saddam-Statue auf dem Firdos-Platz in Bagdad am 9. April 2003. Das jüngste Beispiel für damnatio memoriae ist Nordkorea: Im Dezember 2013 ließ Kim Jong-un seinen entmachteten Onkel Jang Song-thaek aus offiziellen Medienberichten entfernen.

Generell sind weder die damnatio memoriae noch der politische Ikonoklasmus ein so einfaches, gradliniges Phänomen, denn zum einen fällt auf, dass  selten alle Symbole einer bestimmten Epoche entfernt werden: So kann man im Rahmen der Entnazifizierung ab 1945 beobachten, dass zwar das Hakenkreuz, das an den Gebäuden prangte, entfernt wurde, der Eichenkranz, der es umschloss jedoch nicht. Auch der Reichsadler wurde häufig nicht entfernt. Ähnliches lässt sich ebenso für die DDR festhalten: Nur allzu oft wurden die Symbole Hammer und Zirkel, die für die Arbeiterklasse und die Intelligenz stehen, entfernt, aber das vermeintlich harmlose Symbol des Ährenkranzes, der für die Bauern steht, wurde nicht entfernt. Man muss sich an diesem Punkte also fragen: Ist die sichtbare Entfernung von Symbolen eines in Ungnade gefallenen Regimes die moderne Form von damnatio memoriae als Phänomen moderner Vergangenheitsbewältigung zu betrachten? Und: Erinnern oder Vergessen?

Gesellschaftliche Gruppen, aber auch ganze Nationen definieren sich über einen gemeinsamen Wertekanon und über Leitbilder. Diese abstrakten Konzeptionen brauchen eine visuelle Darstellung in Form von Bildnissen und Denkmälern, die stellvertretend für das System stehen. Denkmäler symbolisieren gesellschaftliche Vergangenheitskonstruktionen, versinnbildlichen gegenwärtige Machtstrukturen im öffentlichen Raum und transferieren diese in allgemein anerkannte Zukunftsvorstellungen.
In Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und politischer Metamorphosen stehen Bauwerke daher regelmäßig im Blickpunkt. Sie sind die Kristallisationspunkte des Wandels. Ein physischer Angriff auf die Monumente ist ein stark symbolischer und emotional aufgeladener Akt, der stellvertretend für den Wandel der Machtstrukturen steht. Der Prozess Denkmalsturz ist kein anarchisches Konzept, sondern folgt stringenten Regeln und Ritualen, aber ist er in diesem Falle angebracht?

Ob die damnatio memoriae auch vor diesem Hintergrund wirklich noch ein probates Mittel ist oder, ob es nicht viel entscheidender ist, eine Bildungspolitik zu machen, die es dem jeweiligen Individuum ermöglicht, ein Denkmal, durch eine gelungene Erinnerungskultur als Mahnmal statt als Denkmal zu interpretieren. Natürlich sind die Definitionen dieser beiden Monument-Typen sehr verschieden, aber dennoch gibt es die Möglichkeit zur richtigen Interpretation der Vergangenheit und damit auch zur folgerichtigen Interpretation der Stein gewordenen Geschichte, die es dem Menschen ermöglicht, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Der deutsche Philosoph Hans-Georg Gadamer, der für seine Philosophische Hermeneutik bekannt ist,  schreibt: "Für den Menschen in der Geschichte ist die Erinnerung, die bewahrt, wo alles entsinkt, kein vergegenständlichendes Verhalten eins wissenden Gegenübers, sondern der Lebensvollzug der Überlieferung selbst. Ihm geht es nicht darum, den Vergangenheitshorizont ins Beliebige endlos auszuweiten, sondern die Frage zu stellen und die Antwort zu finden, die uns von dem her, was wir geworden sind, als Möglichkeiten unserer Zukunft gewährt sind." Die Erinnerung an die Vergangenheit, auch wenn diese im Spiegel der Geschichte als negativ bewertet wird, birgt bei der richtigen Interpretation des Denkmals als Mahnmal die Chance, die Erfahrungen, die in dem kollektiven Gedächtnis verankert sind, für zukünftige Entscheidungen zu nutzen und die Weichen für die Zukunft anders zu stellen.

Bildgalerie

Bild 1.: Tilgung des Kaisers Commodus auf einer Inschrift im Römermuseum Osterburken. Nachdem der Name zunächst ausgemeißelt worden war, wurde er später mit Farbe wieder eingefügt.

Bild 2.: Septimius-Severus-Tondo: Kaiser Septimius Severus und seine Familie. Das Gesicht seines Sohnes Geta ist nachträglich getilgt worden.

VOX News Südtirol / nb

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