Lesung im Waltherhaus

Gejagt nur von schönen Dämonen: wir müssen es in Märchen gießen

So wunderbar merkwürdig-schön diese beiden Sätze von zwei Schriftstellerinnen sich gegenüberstehen, so wunderbar merkwürdig-schön war es auch gestern, Mittwoch Abend, als auf dem Podium des Bozner Waltherhauses als "Literarisches Duett" Waltraud Mittich und Erika Wimmer nebeneinandersaßen. Im Rahmen der Bücherwelten-Veranstaltungsreihe, die von Künstlerbund, Kultur-Institut und Tessmann-Bibliothek "geschultert" wird, gaben die beiden jeweils kurze Leseproben aus ihren - in der Edition Laurin Innsbruck - jüngst erschienenen Büchern.

Im Bild: Waltraud Mittich, Erika Wimmer und Ferruccio delle Cave

So sehr Mittichs Roman "Sanpietrini" und Wimmers Gedichtband "Orte sind" aufs erste nichts miteinander zu tun haben, eint sie doch der großartige Umgang mit Sprache und die rationalistische Grundausrichtung. Gekonnt spielen sie ihre profunde Bildung (beide sind Literaturwissenschaftlerinnen) aus, beide streuen immer wieder italienische Wendungen in ihre Werke ein, formulieren (ver)knapp(t) persönlich Wahrgenommenes zu allgemeinem Räsonnement in ihren zwei dünnen Bändchen.

Waltraud Mittich, Südtirolerin und in Bruneck lebend, schreibt seit 2014 hauptsächlich Romanprosa, "Sanpietrini" ist ihr dritter Roman. Er spielt in Rom, wohin es deren Protagonistin Barbara, eine Deutsche, verschlagen hat und die in einem goldenen Käfig verheiratet ist. Die Sanpietrini, also die desaströsen Pflastersteine der Stadt, stehen symbolisch für ein kapuutes Leben, aus dem Barabara ausbricht, als sie einen afghanischen Migranten kennenlernt und mit ihm zusammenzieht, in ein Armenviertel, eine "Scherbenburg von Gestrandeten" (Migranten, Pensionisten, Arbeitslosen). Mittich las zuerst aus dem Anfang des Romans, der mit italienischen Formulierung durchsetzt, klug Beobachtungen aneinanderreiht, und sie behutsam aber bestimmt in die von ihr gewünschte Richtung treibt: in die, wie sie selbst sagt, "Einmischung in den italienischen Staat". Die politische Dimension ihrer Prosa wird vor allem im zweiten Teil ihrer Lesung klar, als sie den utopischen Lebensentwurf ihres Paars in einer "Stadt der Jungen" formuliert, der den weiblichen Gegensatz zum Herrschenden darstellt. Der Roman endet offen: der Migrant wird abgeschoben, Barbara steht vor einem Ende, das ein neuer Anfang ist. Wie Mittich das schildert, zeigt ihre Meisterschaft: gelehrt und langsam entwickelt sie in gezirkelter exakter Sprache die Geschichte des Romans, unprätentiös und doch von optimistischer Botschaft getragen, schlägt sie die Brücke von den 70er Jahren in die Gegenwart, vergleicht die Aufbruchsstimmung von damals mit heute, getragen von der Hoffnung auf ein "Weiterschreiben" durch den Leser.

Erika Wimmer-Mazohl, ebenfalls Südtirolerin, aber in Innsbruck lebend, wo sie zuerst das "Literaturhaus am Inn" und ab 2013 das "Brenner-Archiv" betreute, ist bereits seit langem als Schriftstellerin bekannt. Neben 3 Romanen, zahlreichen Hörspielen und Theaterstücken, hat sie jetzt ihren ersten größeren Gedichtband herausgebracht. "Orte sind" ist ein mehrteiliges, insgesamt 5 Ressorts umfassendes Themengeflecht, aus dem sie sowohl aus dem ersten Teil "Ichkundig" - MeToo geschuldet? -, der auf die Naturforscherin Merian Bezug nimmt - "Des MenschenLeben gleicht einer Blume", dem zentralen Mittelstück "Ortserfahren" - antike Stätten in Italien beschreibend, evokativ wirken lassend – ebenfalls räsonnierend, mit italienischsprachigen Einsprengseln  - und dem Teil "Echoräume" - der dem großen in Innsbruck begrabenen Lyriker Georg Trakl gewidmet ist, dessen Verse sie auch zitiert - Proben ihres Könnens gab. Leider las sie nur kurze Gedichte, sodass eines ihrer Langgedichte "Je suis" - Ich bin - das das Charlie-Hebdo-Attentat behandelt und den Täter-Opfer-Zusammenhang reflektiert, ausgespart blieb. Was Wimmer auszeichnet ist die Genauigkeit der Beobachtungen, die die Basis ihres Schreiben ist, von der aus sie sich "hochschraubt" ins Allgemeine, bis hin zu Artifizellem und Zeitkritschem, ähnlich wie Mittich aus dem Subjektiven kommend und rational/rationalistisch endend. Auch sie verfügt über eine breite Palette sprachlicher Mittel, die sie hervorragend benützt, und die in ihrer Lesung auch deutlich zum Vorschein kommen.

Ein gelungener, hörenswerter, gehaltvoller Abend also. Erwähnenswert auch: moderiert wurde die Veranstaltung vom geheimen "Literaturpapst" des Landes Ferruccio Delle Cave, der gekonnt und sympathisierend die beiden Damen und ihre Werke den ca. 50 anwesenden literaturbeflissenen Zuhörern, darunter die Verleger Paulmichl und Solderer, nahebrachte.

 

 

Amante Arte

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