Buchtipp

"Die Luftgängerin" - ein Roman von Robert Schneider

So umstritten Robert Schneider in Literaturkreisen auch ist bzw. war, so sehr schreibt er sich einigen seiner Leser mitten ins Herz, mit einer Sprache, die auf der Suche nach Freiheit über Zäune und Normalitäten springt wie der Hase in Frühlingsstimmung über die ersten grünen Grasbüschel. Wir stellen Ihnen heute seinen Roman "Die Luftgängerin" vor.

Robert Schneider ist den meisten wohl bekannt durch seinen Roman "Schlafes Bruder", welcher auch verfilmt wurde. In seinem Roman "Die Luftgängerin", der zweite des Romanzyklus "Rheintalische Triologie", geht es um einen ganz speziellen Menschen, ein Mädchen und junge Frau, so speziell und so alles umfassend in ihrer Liebe zu allen Menschen und mit besonderen inneren Kräften ausgestattet, dass sie letztlich Opfer eines Mordanschlags wird. Zu dieser nicht festgelegten und absolut freien Einstellung zur Liebe an sich ist das Mädchen vielleicht auch deshalb fähig, weil es geschlechtlich nicht eindeutig zuordenbar ist. Heute nennt man Menschen, die mit gemischten körperlichen Geschlechtsmerkmalen - des Mannes als auch der Frau – geboren sind, intersexuell und ihre Anerkennung als drittes Geschlecht wird derzeit diskutiert.

"Die Luftgängerin", 1998 erschienen, spielt im kleinen verschlafenen Städtchen Jacobsroth im Rheintal. Robert Schneider beschreibt die Persönlichkeiten, die in seine Erzählung verwickelt sind, auf eine Weise, wie es nur Erfahrungen an eigenem Leib und eigener Seele, jedoch aus späterer Distanz betrachtet und gefühlt, möglich machen. Das Verhältnis zu seiner Heimat scheint nach wie vor zwiespältig, was sich immer wieder mit blumiger jedoch merklich zwickender Ironie durch die Geschehnisse des Romans hindurchgräbt. Und mittendrin lebt Maudi. Ist Maudi überhaupt ein "normaler" Mensch, oder ist sie ein Engel, der beschlossen hat, auf die Erde zurückzukehren, um den Menschen, den Spiegel des lieblosen Umgangs miteinander vorzuhalten? - so geschrieben auf der Innenseite des Buchcovers.

Robert Schneider, 1961 in Bregenz geboren, lebt übrigens heute noch in dem Bauernhaus in Meschach im Rheintal, wo er aufgewachsen ist. Der heute beschriebene Roman ist zur Zeit nur über ein Antiquariat erhältlich.

Hier eine Kostprobe von Schneiders Sprachgewalt, ein Geschenk an uns, ein Auszug aus "Die Luftgängerin":

Mein Engel ist fortgegangen, mein Engel aus den jurassischen Bergen. Da ging eine große Hand über mein Gesicht, und ich wurde müde, müde, so herzensmüde; meine Gedanken verdunkelten, mein Leben verdämmerte. Die Sehnsucht fraß mir meinen Tag.

Die Liebe war ihm abgebrochen. Ich dachte, schwerelos zu sein für zwei, aber beide stürzten wir und fielen in die Geografie einer unbekannten Nacht. Ich schlief ein, verschlief wohl viele Jahre. Als ich erwachte und noch immer lebte, stand ich auf, blickte hinauf zu den schneebereiften, fünfgeschossigen Tannen von Meschach, und plötzlich, ich weiß nicht wie, verging die Sehnsucht nach meinem Engel wie Morgennebel. Die Nacht war aus.

 

 

VOX News Südtirol - Karin Renee Egger

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