Über das Vertrauen in Zertifikate

Reinhard Bauer: Vom Tönnies Fleischskandal hin zu mehr Regionalität

Der Skandal um den Corona-Virus-Ausbruch bei Deutschlands größten Schlachtbetrieb für Schweine, Tönnies, im Kreis Gütersloh (Nordrhein-Westfalen), mit über 1500 Corona-infizierten Fleischzerlegern, zieht weite Kreise. So hat die auch in Südtirol tätige Nordtiroler MPREIS-Supermarktkette bereits zu Beginn der Woche Fleischlieferungen von Tönnies gestoppt. Insgesamt sollen rund 6 Prozent des Schweinefleischs in Südtirol vom deutschen Großschlachter stammen. Für viele Konsumenten war die Erkenntnis, dass wo Südtirol drauf steht, nicht immer Südtirol drinnen ist, eine Überraschung. VOX-NEWS-Südtirol-Gastautor Reinhard Bauer (im Bildausschnitt) ist Jurist und Verbraucherschützer. Er äußerst seine Ansicht über das Vertrauen der Bürger in Zertifikate.

Vom Tönnies Fleischskandal hin zu mehr Regionalität. Im Bildausschnitt: Reinhard Bauer Bildquellen: Motivbild Reinhard Bauer, Profilbild Oliver Oppitz

In den letzten Tagen häufen sich in den Medien Berichte über den Tönnies - Fleischskandal, der durch die Corona Infektion der Fabrikarbeiter/innen europaweit für Aufsehen sorgte. In Südtirol hatten wir im Jahr 2019 einen eigenen, noch nicht gänzlich vergessen Fleischskandal ob einer dubiosen Herkunft von Fleisch[1].

Auch der aktuelle Skandal betrifft Herr und Frau Südtiroler, da Tönnies Produzenten sowohl des Südtiroler Specks aber auch anderer Produkte beliefert. Viele sind nun nicht bloß aufgrund der kolportierten Corona-Infektion entsetzt (welche laut verschiedenen Virologen unbedenklich sein sollte), sondern auch hinsichtlich der Herkunft des Fleisches, da sie dem Irrglauben verfallen sind, Südtiroler Qualitätsfleisch sei vorzugsweise heimisch.

Wo Südtirol draufsteht, muss Südtirol drin sein. So lautet nach wie vor die landläufige Meinung vieler. Dieser Aphorismus ist jedoch die Ausnahme, nicht die Regel, denn das in Südtirol angebotene Fleisch wird Großteils aus fremder Herkunft erzeugt.[2]

Der Grund für diese fälschliche Annahme liegt unter anderem in den verschiedenen Regionalmarken und Gütesiegeln, welche insbesondere als Marketingstrategie, Verbraucher/innen auf die Qualität und Herkunft des Produktes hinweisen soll. Verbraucher/innen sollten durchaus das Recht haben, sich auf Gütesiegel verlassen zu können, doch gibt es davon mehrere – mit unterschiedlicher Aussagekraft.

Die gängigsten Gütesiegel

Die beiden auf europäischer Ebene einheitlichen Labels (lassen wir das BIO-Label beiseite) sind die g.U (italienisch DOP) sowie die g.g.A. (italienisch IGP).

Die "geschützte Ursprungsbezeichnung – g.U." gibt Auskunft über die Herkunft eines Lebensmittels. Dieses Siegel garantiert, dass das Produkt in einem bestimmten Gebiet, nach bestimmten Kriterien erzeugt, verarbeitet und hergestellt wird. Beispiele hierfür sind Chianti Classico oder Asiago-Käse.

In der Realität ist die Kennzeichnung "geschützte geographische Angabe – g.g.A." etwas problematischer. Dieses Zertifikat garantiert lediglich, dass zumindest eine der Produktionsstufen (Erzeugung, Verarbeitung oder Herstellung) im Herkunftsgebiet erfolgen muss[3]. So bezieht sich beispielsweise das Label "Südtiroler Speck g.g.A." vor allem auf einen bestimmten traditionellen und qualitätsorientierten Fertigungsprozess.

Das Rohmaterial, sprich das Schweinefleisch, darf aber auch aus Werken von Tönnies oder süditalienischen Schlachthöfen stammen.

Dies eröffnet bestimmte Marketingstrategien, deren Gegenstand es sein kann, Verbraucher/innen ein bestimmtes Produkt durch lokale Assoziation schmackhaft zu machen. So wie am Beispiel des Südtiroler Specks g.g.A. ersichtlich, welches nach Ansicht des Autors grenzwertig formuliert wurde. Grenzwertig, da die Produktbeschreibung auf der Homepage (Hauptseite) durchaus eine regionale Haltung der Tiere suggeriert[4]. Dabei wird im Grunde bloß der sog. "Bauernspeck" aus heimischem Vieh gewonnen.[5]

Beschreibung des Labels Südtiroler Speck g.g.A.[6] Bei einem Anteil von 0,02 südtiroler Schweinen[7] stammt das Rohmaterial vorzugsweise aus dem Rest der EU

Das Zertifikat g.g.A. sagt weder etwas über die Haltung oder Herkunft des Rohmaterials aus, auch die Qualität an sich muss nicht zwingend davon berührt sein. Der/Die Verbraucher/in muss also dem Hersteller selbst sein Vertrauen schenken und sich nicht allein auf dieses Label verlassen, da es kein Garant für Qualität und Nachhaltigkeit sein muss. In der Fleischindustrie beispielsweise fördert es eher die Massentierhaltung mit den entsprechenden Konsequenzen, wie die Verabreichung von Antibiotika und anderen Maßnahmen an den Tieren[8].

Die Zahlen

Europäer/innen konsumieren im Durchschnitt 42 Millionen Tonnen Fleisch pro Jahr, das entspricht 1,3 Tonnen pro Sekunde. Der Prokopf-Konsum in Europa liegt bei 82 kg pro Jahr[9]. In Österreich liegt der Konsum bei ca. 64 kg[10] (2018), in Italien bei ca. 79 kg[11] (2018).

Dieser Massenkonsum kann mit einheimischen (südtiroler) Fleisch unmöglich befriedigt werden, zumal lediglich ein Bruchteil des verarbeiteten Rohmaterials aus der Provinz stammt. Erstes Opfer des exzessiven Fleischkonsums sind natürlich die Tiere, denen teilweise Gräueltaten[12] angetan werden, um das Fleischbedürfnis der breiten Bevölkerung zu befriedigen. Ein Gütesiegel kann die breite Masse der Bevölkerung sicherlich etwas beruhigen, doch die Realität kann es nicht verdecken.

Bewusstsein für Nachhaltigkeit

Mittlerweile sollte ein Bewusstsein für lokale und regionale Produktion geschaffen worden sein. Dies vornehmlich um einheimische Betriebe durch Corona-bedingte Einbußen und Liquiditätsengpässe zu unterstützen. Es wurden zahlreiche Projekte und Gruppen in den sozialen Netzwerken geschaffen, die eine regionale Marktwirtschaft befürworten. Regionalität, Qualität und Tierwohl sind bloß einige der Indikatoren, denen sich diese Gruppen verschrieben haben. Eine "stressfreie" Schlachtung der Tiere direkt am Hof, wie es mittlerweile vereinzelt praktiziert wird, ist auch ein Schritt in die richtige Richtung.

Es wird sich nicht jeder Bürger und jede Bürgerin einen vegetarischen oder veganen Lebensstil aneignen, doch Verbraucher/innen sind heute durchaus bereit, etwas tiefer in die Tasche zu greifen, um qualitativ hochwertigeres und ethisch korrekteres Fleisch zu erstehen[13].

Auf dieser Grundlage könnte sich ein flächendeckendes Label etablieren, das eben nicht bloß in bestimmten Staaten oder Regionen Anwendung findet. Davon gibt es bereits einige, doch läuft man Gefahr die Übersicht zu verlieren.[14]

Diesem Bewusstsein muss jedenfalls mehr Raum gegeben und eine rechtliche wie auch wirtschaftliche Grundlage gegeben werden.

Was können Politik und andere Institutionen bewirken?

Da eine Verbotspolitik lediglich in drastischen Situationen eingesetzt werden sollte, kann eine Besserung insbesondere durch einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft herbeigeführt werden (über die Nachfrage der Verbraucher*innen).

Die Politik hat zudem auf jeder ihrer Stufen die Möglichkeit, eine solide Basis für Regionalität sowie Tierwohl zu schaffen und sinnorientierte Projekte zu fördern. Mittlerweile gibt es auch in Südtirol Start-up’s, die sich der Abkehr von der Massenproduktion von Fleisch verschrieben haben. Diesen und ähnlichen Ideen sollte großräumig Raum gegeben werden. Dem "Südtiroler Speck Konsortium" würde diese Entwicklung ebenso entgegenkommen, wie den Verbraucher/innen selbst.

Erfreulich ist auch die Aussendung der Südtiroler Bauernjugend, wonach "Südtiroler Bäuerinnen und Bauern täglich frische Lebensmittel produzieren, die mit Qualität und kurzen Transportwegen punkten und von den Geschäften, Märkten und Hofläden direkt in Südtirols Kühlschränken landen"[15].

Es bleibt abzuwarten, ob die erstrebenswerten Maximen "Regionalität" und "Tierwohl" weiterhin ein Nischendasein fristen und höchstens als Alibi zur industriellen Versorgung dient oder ob Corona und der Tönnies-Skandal der notwendige Katalysator zum tatsächlichen Bewusstseinswandel der Gesellschaft war.

 


[1] consumer.bz.it/de/etikettenschwindel-bei-fleischwaren-betriebe-muessen-beim-namen-genannt-werden

[2] stol.it/artikel/wirtschaft/toeennies-und-der-suedtiroler-speck-engpass-nicht-ausgeschlossen

[3] ec.europa.eu/info/food-farming-fisheries/food-safety-and-quality/certification/quality-labels/quality-schemes-explained_de

[4] speck.it/ des 27.06.2020

[5] speck.it/bauernspeck/ des 27.06.2020

[6]speck.it/ des 27.06.2020

[7]stol.it/artikel/wirtschaft/toeennies-und-der-suedtiroler-speck-engpass-nicht-ausgeschlossen

[8]massentierhaltung-mv.de/die-fakten/die-folgen-fuer-die-tiere/

[9] de.globometer.com/viehzucht-europa.php

[10] de.statista.com/statistik/daten/studie/287351/umfrage/pro-kopf-konsum-von-fleisch-in-oesterreich-nach-art/

[11] ilsole24ore.com/art/in-italia-torna-l-appetito-la-carne-5percento-2018-ABVnoKTB

[12] massentierhaltung-mv.de/die-fakten/die-folgen-fuer-die-tiere/

[13] wdr.de/wissen/mensch/ernaehrungsreport-104.html

[14] test.de/Tierwohl-Label-Diese-Siegel-sollen-beim-Kauf-von-Fleisch-helfen-5306979-0/

[15] suedtirolnews.it/wirtschaft/hoelzerner-mistgrottn-vergeben

 

VOX News Südtirol / Reinhard Bauer

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