Sieglinde aus Ulten erzählt

So war mein erster Tandemflug

Manchmal haben wir einfach Lust, aus dem Alltagsleben auszusteigen. Es muss nicht immer eine Insel sein. Es gibt auch Abenteuer, auf die wir uns einlassen können, ohne gleich unser ganzes Leben umzukrempeln. Mit einem Gleitschirm im Tandemflug vom Hirzer nach Saltaus zu fliegen, ist eines davon.

Sieglinde Thaler ist so ein "Mädchen“, das manchmal einfach ausbrechen muss – um sich so richtig lebendig zu fühlen. Weil ihre beste Freundin, Monika das weiß, hat sie ihr zu ihrem fünfzigsten Geburtstag einen Tandemsprung geschenkt. Dass Sieglinde Höhenangst hat, lässt anfangs zaghafte Zweifel aufkommen. "Auch mein Mann hat a bissl Bedenken gehabt“, sagt sie, doch die Jammerlappenrolle steht ihr nicht, und außerdem: geschenkt ist geschenkt, und  was dich nicht umbringt, macht dich stärker, und Rückzieher gibt es sowieso keinen. Dass auch die Tochter ihrer Freundin, Nathalie, mitspringt, gibt einen zusätzlichen Schubs. Kurzerhand wird beim Tandemclub Ifinger ein Termin vereinbart.

"Wir hatten schönes Wetter, bei Nebel, Regen oder Wind fliegen sie sowieso nicht,“ sagt Sieglinde. "Als ich im Bahndl auf dem Weg zur Bergstation Hirzer war, da hatte ich ein ganz eigenartiges Gefühl.. Keine Angst, aber Aufregung.“ Von der Bergstation sind es noch 15 Minuten Aufstieg, Zeit, um das Herz aufs Schnellerschlagen vorzubereiten. Hans heißt Sieglindes  Sprungpartner und -couch. Er ist bestens gelaunt, macht Mut und Vorfreude.

Zuerst bekommt Sieglinde ein Geschirr angeschnallt, so ähnlich wie das von Hunden. „Hans war hinter mir, mit dem Schirm klarerweise. Dann, irgendwann, sagte er, ich solle laufen. Also lief ich los, ohne zu wissen, was mich erwartet, ein Gefühl zwischen mulmig und gespannt. Und ich lief was meine Beine hergaben. Irgendwann fängt dann der Schirm an, aufzugehen, da gibt es dir einen richtigen Ruck nach hinten. Und du läufst immer noch weiter. Der Schirm bläht sich mehr und mehr auf und irgendwann sind deine Füße in der Luft und dein Hintern in einem Art Sessel. Hans war immer hinter mir, das zu wissen, beruhigte mich ziemlich. Einen Moment des Luftanhaltens gibt es in dem Augenblick, in dem du merkst, dass du in der Luft bist, aber dann ist es nur noch schön!“ schwärmt Sieglinde. "Wir sind etwa eine halbe Stunde geflogen und es war ein einziger Genuss, abgehoben von der Welt. Es war wunderschön, die Gegend so von oben anzuschauen. Und das Beste: Ich hatte kein bisschen Höhenangst.“

Hans ist zuvorkommend und erkundigt sich dauernd nach dem Befinden. A bissl kalt ist es in der Luft, trotz Vorsommertemperaturen am Boden, deshalb sollte man sich gut anziehen, rät Sieglinde. "Nach 1.750 Metern Höhendifferenz kamen wir Saltaus immer näher. Landeplatz ist immer der Torgglerhof. Vor dem Landen machten wir eine Drehung, und da habe ich dann schon gedacht, jetzt kommt das Kotzen, aber dann war es auch schon vorbei. Hans sagte mir, ich solle die Füße ausstrecken und schon waren wir gelandet. Das Gefühl ist unbeschreiblich. Man ist glücklich und stolz auf sich und voller Power. Und fühlt eine richtige Verbundenheit zur Natur“, schwärmt das 50jährige Mädchen.

Um dieses Gefühl beneidet man sie, wenn man sie reden hört. Vielleicht werden die Zweifel irgendwann kleiner und der Mut und die Lust auf Abenteuer irgendwann größer. Dann werde auch ich über Meran schweben, in dem Sesselchen, und entweder Sieglinde verfluchen und mich selbst und die ganze Welt, oder ihr dankbar sein für ihre Erzählung und das Mut machen, für eine Freiheit, die da oben für eine halbe glückselige Stunde grenzenlos ist.

 

 

 

Karin Renee Egger

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