Wie das "System Südtirol" funktioniert

Teil 1: "Die toten Lämmer" – ein Innichen-Krimi

Herbert Gütl kämpft seit 20 Jahren gegen Windmühlen – für seine kleine Schafherde, seine Familie, wie er sagt, und für sein Recht. Auf seiner Weide hätte man ohne sein Einverständnis einen Skilift gebaut, was dazu führe, dass seine Schafe sterben, da sie schon frühzeitig von Kunstschnee eingeschneit würden. Einen brauchbaren alternativen Unterstand im Tal wolle ihm die Gemeinde nicht geben. Gütl sieht sich Schikanen und Intrigen ausgesetzt und letztendlich auch tätlichen Angriffen gegen ihn, wie er sagt, und das schon seit Jahren. Die Windmühlen: Liftbetreiber, Gemeinde, Carabinieri und Staatsanwaltschaft.

Im Bildausschnitt: Sonja Meraner, Präsidentin des Tierschutzvereins "Südtiroler Tierparadies hilft". Bildmotiv: Herbert Gütls Schafe auf seiner Alm

In diesen obskuren Fall eingeschaltet hat sich jetzt der Tierschutzverein "Südtiroler Tierparadies hilft" aus Eppan, denn "das Drama müsse endlich ein Ende haben", so Sonja Meraner, Präsidentin des Vereins.

Begonnen hätte das Drama im Jahr 1998, und zwar damit, dass auf dem Grund, der dem jetzt 70jährigen Helmuth Gütl aus Innichen und seinen Geschwistern gehört, zwei Skilifte gebaut wurden. Genau dort stand und steht heute immer noch Gütls Schafstall. Der erste Lift, die Umlaufbahn, sei zwar mit Genehmigung seiner drei Geschwister, aber ohne seine eigene gebaut worden. Der Bau des zweiten Skiliftes sei stillschweigend vonstattengegangen, und die Gemeinde Innichen habe der Liftgesellschaft "Sextner Dolomiten AG", einer privaten Aktiengesellschaft, erneut ohne sein Einverständnis die Baukonzession erteilt, lediglich auf Grund eines Vorvertrages, ohne Datum. "Die Gemeinde hätte diese Konzessionen niemals erteilen dürfen", sagt Gütl. "Im Vorvertrag ist eine Entschädigung von 250.000 Lire angegeben, ich habe aber in diesen zwanzig Jahren nie einen Euro gesehen." Einen rechtskräftigen Vertrag zwischen den Eigentümern und der Liftgesellschaft gäbe es bis heute nicht. "Ich hatte und habe meine Schafe da oben", erklärt der Frührentner. "Um 5, 6 Uhr morgens bekommen diese meistens ihre Lämmer. Durch die Schneekanonen, die ohne Gnade auf sie lossprühen, sterben sie, das ist einfach zu viel für sie. Ich habe jedes Jahr ein paar tote Lämmer. Für mich sind diese wie meine Kinder. Ich habe so oft interveniert, auch Anzeigen erstattet, mit Namen, da ich das Personal bei den Schneekanonen und auch den Präsident der Liftgesellschaft kenne." Die Staatsanwaltschaft jedoch habe seine Anzeigen stets archiviert. Begründung: die betreffenden Personen könnten nicht ausfindig gemacht werden.

Damit jedoch nicht genug. Die Zufahrt zu Gütls selbst errichtetem Schafstall, in welchem die Tiere im Winter unterkommen, und welcher sich nunmehr mitten auf der Raut-Piste der Helmbahn oberhalb von Vierschach befindet, fein säuberlich umzäunt, wird dem Kleinbauer immer wieder schwer gemacht, und ohne befahrbaren Zuweg kann er die Schafe nicht versorgen. Vor drei Jahren, frisch aus dem Krankenhaus zurückgekehrt, fuhr Gütl abends auf seine Alm, um seine Tiere zu versorgen. Als er wieder ins Tal fahren wollte, war die Straße mit Betonklötzen gesperrt worden. "Ich habe schon gesehen, als ich oben war, dass da ein Auto rauffuhr, habe mir aber nichts dabei gedacht.", sagt Gütl. Just als er sich auf der Alm befand, hatte die damalige Bürgermeisterin angeordnet, die Straße zu sperren. "Zwei Tage und zwei Nächte musste ich oben bleiben ohne Essen und Trinken, und bei 10, 12 Grad minus", erzählt der Kleinbauer aus Vierschach. Er habe in der Zwischenzeit seine Hausärztin verständigt, da er die Medikamente nicht nehmen konnte, die er so dringend brauchte, und er habe auch die 112 angerufen. Am dritten Tag erst sei der Carabinieri-Hauptmann gekommen und habe ihm mit Gewalt gedroht, würde er nicht Ruhe geben. Der damalige Vizebürgermeister habe dann endlich die Betonblöcke wegbringen lassen. Zu dieser Zeit hatte der Rentner bereits Erfrierungen an beiden Beinen und musste im Krankenhaus versorgt werden. Abends jedoch erwartete Gütl dasselbe Szenario: Kaum war er auf der Alm, um seine Schafe zu versorgen, wurden die Betonklötze vom Vizebürgermeister wieder angebracht und die Straße gesperrt. "Ich kann alles mit Unterlagen und Fotos belegen", sagt Gütl.

Zwar hätte er sich gegen diese Machenschaften zur Wehr gesetzt, aber keiner seiner Anwälte, die er in der Zwischenzeit hatte, wollte eine Anzeige machen, was er dann halt selbst tat. "Die Anwälte haben immer nur Versprechungen gemacht, aber nichts Konkretes unternommen", sagt er.

"Vor fünf Jahren bin ich beim Lift auf der Zufahrtsstraße zu meiner Wiese mit meinem Traktor hängen geblieben. Ich habe die Pistenpolizei um Hilfe gerufen. Die sind auch gekommen, mit Verstärkung durch drei weitere Carabinieri-Beamte“, erzählt Dietl weiter. „Diese haben mich zu Boden geschlagen und mir Handschellen angelegt, vor den Augen der Leute ringsum. Ich musste drei Tage in Haft bleiben und wurde der Richterin vorgeführt." Diese hätte zwar auch das Verhalten der Beamten beanstandet, doch die Konsequenz sei lediglich eine gewesen: Noch bevor Gütl irgendetwas unternehmen konnte, haben die Carabinieri-Beamten Anzeige gegen ihn selbst erstattet, wegen tätlichen Angriffs - wobei der eine dem anderen die Tat bezeugte. Beim leitenden Staatsanwalt Guido Rispoli hätte Gütl dann um Gehör gebeten und ihm die ganze Geschichte erzählt. Dieser hätte ihm geraten, keine Anzeige gegen die Carabinieri zu machen, er würde sich selbst um die Angelegenheit kümmern. Der Carabinieri-Maresciallo von Winnebach wurde daraufhin wirklich nach Bozen versetzt.

Die Schikanen nahmen trotzdem kein Ende. Irgendwann hätte die Gemeinde die Schafe wegbringen lassen, nachdem Gütl sich aber dagegen zur Wehr gesetzt hätte, war die Gemeinde gezwungen, sie wieder zurückzubringen, allerdings hätten drei Lämmer gefehlt. "Tot", sagte der Rentner, "und niemand konnte mir sagen, warum".

In 14 Tagen kommen die Schafe von der Alm ins Tal. "Es gäbe die Möglichkeit, wenigstens vorübergehend ein Zelt aufzustellen, aber die Gemeinde gibt mir keine Genehmigung dafür. Zuerst wurde ich von der Wiese vertrieben und jetzt bekomme ich im Dorf keine Möglichkeit, die Schafe zu halten", bedauert Gütl. "Die Dolomiten AG hat zwar einmal gesagt, sie würde für mich als Alternative für den Winter einen Schafstall im Dorf errichten, aber passiert ist nichts."

Herbert Gütl sieht zwischen dem Verhalten von Gemeinde, Liftbetreiber, Anwälten und Staatsbeamten gegen seine Person mehr oder weniger verborgene aber doch eindeutige Drähte. Er würde alle Beteiligten früher oder später zur Rechenschaft ziehen. Sonja Meraner vom "Südtiroler Tierparadies hilft" – laut Gütl übrigens der erste und einzige Tierschutzverein, der sich in den Fall einklinkt - geht es in erster Linie darum, dem Spuk ein Ende zu bereiten und die Schafe endlich von der Wiese ins Tal und in Sicherheit bringen zu können. Auf der Seite Gütls zu sein scheint auch der Innichner Polizeikommissar Stefano Barivello. "Sie wissen, dass ich nicht mehr dazu sagen darf", sagt er zu unserer Redaktion am Telefon, "aber wir werden alles dafür tun, um Herrn Gütl zu helfen."

Für den 29. September war eine Aussprache mit der nunmehr abgewählten Bürgermeisterin von Innichen, Rosmarie Burgmann, vorgesehen. Sonja Meraner und ihr Rechtsanwalt wollten dabei sein. Gütls große Hoffnung, vielleicht endlich einige Fronten geklärt und eine Unterkunft für die Tiere gefunden zu haben. Mit der Gemeinderatswahl 2020 wurden die politischen Karten auch in Innichen neu gemischt. Die SVP hat in Innichen deutlich zugelegt und neuer Bürgermeister wird Klaus Rainer. Also benötigt es einen neuen Termin. Was die erlittenen Demütigungen anbelangt wolle Gütl zum jetzigen Zeitpunkt keine Belege für seine Aussagen, entsprechende Dokumente und Fotos, veröffentlichen, aus Angst, es könne zum Nachteil für seine Tiere gereichen. Weitere Entscheidungen werde er erst treffen, wenn er seine Schafe in Sicherheit wisse und es auf dem Gemeindegebiet von Innichen und auf Gütls Alm keine toten Lämmer mehr gäbe.Bildgaleri

Bildgalerie: Herbert Gütls Bildarchiv: Bilder 1-4 Herbert Gütls Erfrierungen, Bilder 5-8: die mit Betonblöcken zugesperrte Almzufahrt, Bilder 9-12: Stall zur Versorgung der Schafe; Herbert Gütls Paradies für Schafe darüber der Skilift

 

 

VOX News Südtirol / Karin Renee Egger

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