Gastartikel Verbraucherschutz

Die gesellschaftspolitische Debatte um 5G (Teil 2)

Im 2. und letzten Teil unseres von Gastautor Reinhard Bauer verfassten Artikels beleuchten wir die Auswirkungen der elektromagnetischen Felder auf unsere Gesundheit, das Wirrwarr an Studien und insbesondere den Lobbyismus mit welchem die Einführung der neuen und umstrittenen Mobilfunktechnologie vorangetrieben wird. Sollten Sie auch Interesse am ersten Teil des Gastartikels haben, so können Sie ihn hier aufrufen.

#6 Elektromagnetische Felder (EMF’s) – Die Auswirkungen

5G und andere Funkverbindungen erzeugen EMF’s. Seit geraumer Zeit bestehen Erkenntnisse über deren Auswirkung auf die Umwelt. Langzeitstudien entstehen idR aber erst, wie oben bereits geschildert, nachdem Technologien bereits eingeführt wurden.

Befürworter des 5G geben vor, den Erfordernissen der modernen Gesellschaft gerecht zu werden und verweisen auf die nicht erwiesene Auswirkung auf die Bevölkerung. Sogar Strahlenforscher melden sich zu Wort und versichern vernachlässigbare Auswirkungen[1]. Zudem werden euphemistische Vergleiche zum Sonnenlicht hergestellt. Mobilfunkstrahlung ist bei gleicher Intensität bzw. Leistungsflussdichte deutlich gefährlicher als optische Strahlung. Daher hinkt dieser Vergleich enorm[2].

Interessanterweise wird bei keiner vom Autor recherchierten Studie und bei keinem Interview eine Unbedenklichkeit letztlich garantiert – eine Hintertür bzw. ein Haftungsausschluss wird stets vermerkt. Der Leser möge diesen Umstand eigenständig interpretieren.

Mobilfunk und Sonnenlicht?

#7 Totschlagargumente versus „möglicherweise krebserregend“

Landläufig ist die Erkenntnis, Mobilfunk sei laut WHO „möglicherweise krebserregend“ (Einstufung 2b). Damit gesellt sich der Mobilfunk seit 2011 in eine Reihe mit Kaffee und eingelegtem Gemüse. So zumindest die breite Berichterstattung.

Ein präziser Blick auf die konkrete Einstufung offenbart den Euphemismus: nicht Kaffee, sondern konzentrierte Kaffeesäure entspringt derselben Einstufung. Auch keine Angst vor eingelegtem Gemüse, diese drakonische Einstufung bezieht sich auf einen asiatischen Fermentierungsprozess, der in speziellen, japanischen Einlegemethoden zur Anwendung kommt.

Wir erkennen, die verharmlosende Interpretation bagatellisiert die ernstzunehmende Thematik des Mobilfunks zu Gunsten wirtschaftlicher Lobbys.

Eine höhere Einstufung als „möglicherweise krebserregend“ wäre für eine Technologie wie 5G der Nackenschlag und wirtschaftsseits der Super-GAU. Das Ausmaß einer höheren Einstufung wäre ökonomisch weltweit mit massiven Konsequenzen verbunden. Aber sollten hierfür gesundheitliche Risiken eingegangen werden? Eine entsprechende Befangenheit ist an dieser Stelle somit unvermeidbar.

die verharmlosende Interpretation bagatellisiert die ernstzunehmende Thematik

#8 Wirrwarr an Studien und Lobbyismus

Die Unbedenklichkeit einer Technologie wird grundsätzlich durch verschiedene Studien erhoben. Bei kontrovers- und teilweise emotional geführten Themen wie Pestizide oder eben auch die Auswirkung von Elektrosmog, finden sich jeweils Studien die sowohl Befürworter als auch Kritiker den Rücken stärken.

Um den Durchblick bei von Interessensvertretern geprägten Expertisen zu wahren, soll an dieser Stelle ein süffisanter, aber durchaus wahrheitsgetreuer Aphorismus angemerkt sein: „Wer die Saat hat, hat das Sagen“. Sprich, derjenige der die Studie in Auftrag gibt, kann sowohl die Vorgehensweise als auch das Ergebnis beeinflussen und über deren Publikation bestimmen.

Aussagekräftig scheint die von der österreichischen Allgemeinen Unfallversicherungsgesellschaft AUVA beauftragte Untersuchung athermischer Wirkungen elektromagnetischer Felder im Mobilfunkbereich. Dieser zu Folge wurden wesentliche zelluläre Mechanismen beobachtet, die DNA-Läsionen (durch Mobilfunk) als plausibel bestätigen[3].

In einer kontroversen Debatte finden sich meist streitbare Argumente, durch welche, wird einem Argument mehr Gewichtung zuerkannt, ein Ergebnis entsprechend angepasst werden kann. Liefere ich als Unternehmer bspw. gefährliche Substanzen, stütze ich mich natürlich auf Expertisen, die meinen Standpunkt stärken. Bei der Auswirkung von EMF’s auf Mensch und Tier ist es nicht anders.

Investigate Europe, eine progressive Organisation kritischer Reporter, welche sich einer freien und anbieterunabhängigen Arbeitsweise verschrieben hat, konnte feststellen, dass die Strahlenforschung seit Jahrzehnten weltweit von Wissenschaftlern dominiert wird, die eine Nähe zur Mobilfunkindustrie aufweisen[4].

Aus diesen Gründen ist eine interessensunabhängige Forschung von immenser Bedeutung. Diese muss frei von Lobbyismus aber auch von moralischer Vorverurteilung geführt werden.

Dieser Funktion kommt u.a. die ORSAA (Oceania Radiofrequency Scientific Advisory Association) nach – eine Nonprofit-Organisation, die eine Datenbank mit dedizierten Studien errichtet hat. Die Zahlen lesen sich deutlich:

  • Von 2266 Studien weisen 68% signifikante Auswirkungen auf die Umwelt nach[5]. Noch deutlicher wird es im Bereich der EMF-Studien zu oxidativem Zellstress:
  • 89% bescheinigen wesentliche Effekte[6] an ihrer Umwelt.

Es besteht somit ein beträchtliches Maß an Studien, die den Nachweis einer nicht zu vernachlässigenden Auswirkung von EMF’s erbringen. Bemerkenswert aber ist die Position verschiedener Befürworter, die den Kritikern eine moralische Beweislastumkehr auferlegen. Diese mögen doch den eindeutigen Nachweis für die Schädigung von Mobilfunk erbringen.

Dies ist aber eine unsachgemäße Sichtweise da sie gegen das nun folgende Prinzip verstößt.

#9 Der grundlegende Fehler – Einführung entgegen des Vorsorgeprinzips

Die Einführung und Förderung von 5G hat sich seit dem Jahr 2018 deutlich konkretisiert. Bereits ein Jahr zuvor, im Jahr 2017, richteten 180 Ärzte und Wissenschaftler aus 35 Ländern einen (bis dato erfolglosen) Appell[7] an die Europäische Kommission, um die Einführung von 5G bis zu deren definitiven Gefahrenabschätzung auszusetzen. Dieser Appell wurde im Sinne des europäischen Vorsorgeprinzips[8] erhoben.

Das Vorsorgeprinzip ist ein Prinzip der Umwelt- und Gesundheitspolitik, wonach mögliche Belastungen und Schäden für Umwelt und Gesundheit im Voraus (trotz unvollständiger Wissensbasis) vermieden oder weitestgehend verringert werden sollen. Es dient damit einer Risiko- bzw. Gefahrenvorsorge[9]

Der Rückgriff auf das Vorsorgeprinzip ist unter drei Voraussetzungen gerechtfertigt:

  • Ermittlung der möglichen negativen Folgen;
  • Bewertung der verfügbaren wissenschaftlichen Daten;
  • Bewertung des Grades der wissenschaftlichen Unsicherheit[10].

Da sämtliche Voraussetzungen erfüllt sind, ist das Vorantreiben der Technologie nicht rational erklärbar. Daher kann die Einführung von 5G nur im Sinne der Wahrung wirtschaftlicher Interessen begründet liegen. In jedem Fall ist ein Ungleichgewicht zwischen ökonomischem und gesundheitlichem Interesse erkennbar – zu Ungunsten der Gesundheits- und Umweltpolitik.

#10 Zuständigkeit und die Haftungsfrage

Obwohl bereits 2018 die Frequenzen für 5G versteigert wurden und eine breitflächige Abdeckung forciert wird, bleibt die Auswirkung auf Mensch und Tier streitbar.

Sollten sich nun, entgegen der Expertisen von 5G-Befürwortern, negative Auswirkungen auf die Umwelt nachweislich verifizieren, bleibt die Frage nach Haftung und Schadensersatz.

Zwei nicht leicht zu beantwortende Fragen.

Einen ersten Anhaltspunkt liefert uns die Haltung verschiedener Versicherungs-gesellschaften. Immer mehr Versicherungen verweigern Smartphone-Herstellern und Netzbetreibern die Deckung für eventuelle Gesundheitsschäden in deren Betriebs-Haftpflichtversicherungen. Eine nachvollziehbare Haltung, zumal es die Versicherungen sind, welche die finanziellen Schäden letztlich tragen würden.

Ein Alarmsignal?

In Sachen Zuständigkeit richtet sich der erste Blick sicherlich an die Bürgermeister der Gemeinden. Diese sind an erster Stelle für die öffentliche Gesundheit der Bürger zuständig und folglich die ersten Ansprechpartner.  Vorbildlich ist hier die Haltung der Gemeinden Mals und Neumarkt, die den Ausbau des 5G-Netzes

zum Schutz der öffentlichen Gesundheit und der Umwelt vorerst ausgesetzt haben, bis der Erkenntnisstand als gesichert gilt.

Ein entsprechender Appell, im Sinne der gesundheitlichen Unversehrtheit, muss sich zunächst an den ersten Bürger der Gemeinde richten. In der Folge, und im Sinne des Subsidiaritätsprinzips, können sich die Provinz, Region, Staat und EU nicht dieser Debatte entziehen.

Ein Referendum, basierend auf tatsächliche wirtschaftliche Fakten würde sich anbieten, um dem wirtschaftsseitigen Druck auf die Politik zu entgehen.

#11 Fazit & Perspektive

Nichts ist sinnvoller als eine in der Gesellschaft offen und ehrlich geführte Debatte. Die Thematik rund um die 5. Generation des Mobilfunks kann und wird so aber nicht geführt. Dazu wird sie zu sehr von Interessensvertretern beiderseits beeinflusst. Beide Seiten beanspruchen die für sich dienliche dogmatische Vorherrschaft.

Sobald Institutionen das Für und Wider dieser Thematik abwägen, besteht die Gefahr, sich auf beruhigende Alibi-Argumente zu stützen. Der Weg des geringsten Widerstands hilft letztlich niemanden und sorgt unter Umständen für gesundheitliche Folgen. Bedenklich ist zudem die resignierende Akzeptanz eines Teils der Bevölkerung, die frei nach dem Motto „man könne ja eh nichts ändern“, vieles unkommentiert über sich ergehen lässt. Ein großer Irrtum!

Um die wirtschaftliche Anbindung auszudehnen, ist ein Ausbau des unbedenklichen Breitbandnetzes, urban wie peripher, von großer Bedeutung. Der Ausbau des Glasfaser-Netzes muss unter jeden Umstand erfolgen, zumal es nebenbei auch als Grundlage für den Mobilfunk dient.  

Bedenklich ist die resignierende Akzeptanz eines Teils der Bevölkerung

Die Bevölkerung sollte das Einführen neuer Technologien ausschließlich über wahrheitsgetreue, interessensunabhängige Fakten erwägen können. Dies ist nur durch eine unabhängige Forschung möglich. Wird eine weitgehende Unbedenklichkeit der Technologie erhoben, kann sich die Gesellschaft (und der Autor des Artikels), der neuen Dienste erfreuen. Bis es soweit ist und noch erhebliche Zweifel bestehen, sollte zum Schutz der Bevölkerung das Vorsorgeprinzip angewandt und die Einführung von 5G auf Eis gelegt werden.

 

Ein Musterschreiben an Politik und Verantwortungsträger kann nach Anfrage an den Autor zugesandt werden.

 

Für Anregungen und Vorschläge zu anderen Themen und Artikel:

reinhardbauermeran@outlook.com

 

Quellennachweis

[1] Südtiroler Tageszeitung, 18.10.19, Seite 4,5

[2] Weiterführende Literatur: Mobilfunkstrahlung ist bei gleicher Intensität bzw. Leistungsflussdichte deutlich gefährlicher als optische Strahlung.

[3] https://www.auva.at/cdscontent/load?contentid=10008.632122&version=1471593261

[4] https://www.investigate-europe.eu/publications/the-5G-mass-experiment/

[5] https://www.investigate-europe.eu/in-a-polarised-world-journalists-must-hold-on-to-their-curiosity/

[6] Bandara, P. & Carpenter, D. O. Planetary electromagnetic pollution: it is time to assess its impact. The Lancet Planetary Health 2, e512–e514 (2018).

[7] http://www.5Gappeal.eu/ (erhoben am 28.10.19)

[8] Art. 191 AEU – Vertrag

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Vorsorgeprinzip

[10] https://eur-lex.europa.eu/legal-conte

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