Bozen Museen

Stadtmuseum Bozen: Mehr als nur sieben Siegel

Das Bozner Stadtmuseum lüftet das Geheimnis der in 49 Schachteln verpackten 3.424 Siegel. Eine Ausstellung der wertvollsten Exponate ist vorerst nicht geplant.

Am Mittwoch, 15. Mai, wurde im Bozner Stadtmuseum den Medien ein wertvoller Fundus vorgestellt, der zur Zeit im Depot aufbewahrt wird. Es handelt sich um 49 Schachteln, die insgesamt 3.424 Siegel enthalten: Siegel aus Wachs im Wachsbett oder in einer metallenen bzw. hölzernen Kapsel, oder Siegelstempel auf Papier oder in Siegellack. 40 Schachteln tragen das Etikett “Siegel Mus.-Verein”.

Bei der heutigen Vorstellung bedankte sich der Kulturstadtrat der Gemeinde Bozen beim Museumsverein Bozen und den Mitarbeitern des Stadtmuseums für die Aufbereitung dieser wertvollen Sammlung. “Siegel verliehen und garantierten früher einem Dokument (aus Pergament bzw. Papier) Authentizität; sie hatten praktisch eine ähnliche Funktion wie heute die Unterschrift”, sagte der Kulturstadtrat.

Dabei betonte der Stadtrat: “Die Siegelstempel, mit denen man den Siegelabdruck herstellte, sind Produkte der hohen Goldschmiedekunst. Jedes Siegel ist bis ins kleinste Detail ausgearbeitet und kein Siegel gleicht einem anderen. Diese künstlerisch anspruchsvoll gestalteten Objekte erschließen aber auch eine eigene Welt, sie geben Auskunft über Namen, Wappen und Familiengeschichte des Siegelinhabers. Der kulturelle Wert dieser Sammlung ist bedeutend, handelt es sich doch um Zeugnisse des Alltaglebens etlicher Familien, die sich im Verlaufe von 7 Jahrhunderten in Bozen aufgehalten haben.”

Der Referent für deutsche Kultur und Stadtrat für Öffentliche Arbeiten hob hervor, dass von den 160 gemeindeeigenen Gebäuden das Bozner Stadtmuseum und das Rathaus eine Sonderrolle einnehmen. “Diese beiden Gebäude sind ein Zeugnis der kulturellen Identität der Stadt und werden deshalb auch nie Besitzer wechseln. Die nächsten Bauarbeiten für die Brandsicherheit im 3. Stock sind für die Jahre 2020/2021 vorgesehen.

Der Direktor des Museums, Stefan Demetz, sagte bei der Vorstellung, dass in den vergangenen Jahren, vor allem das Kellergeschoss, aufgeräumt werden konnte. “Wiederentdeckungen” in Museen sind wiederkehrende Ereignisse; sie ereignen sich, wenn Depotbestände geordnet und die Sammlungen neu aufgestellt werden. Dies geschieht besonders bei Museen mit einer langen Geschichte wie dem Bozner Stadtmuseum, wo sich im Laufe der vielen Jahrzehnte Sammlungsbestände angelagert haben.

Weiters betonte Demetz: “In mühevoller Kleinarbeit konnte ein weiterer Schatz aus dem Fundus des Museumsvereins gehoben werden. Bei der Siegelsammlung handelt es sich nicht um einen ‘Kellerfund’, denn das Museum führt die 49 Schachteln mit den 3.424 historischen Siegeln seit jeher im Inventar. Die Siegelsammlung deckt einen langen Zeitraum ab, der sich über mehrere Jahrhunderte erstreckt. Die Siegel sind gut erhalten und lesbar. Nur in wenigen Fällen ist eine Restaurierung notwendig, könnte eine vorsichtige Reinigung vom Staub zur Verbesserung des allgemeinen Zustands führen.”

Gerald Mayr vom Museumsverein sagte, dass der Verein den Erhalt der Exponate in den Vordergrund stellt. Es ist eine Besonderheit, wenn im Fundus des Museumsvereins immer wieder Kuriositäten ans Tageslicht kommen und diese wertgeschätzt werden.

Woher stammen die Siegel?
Mit Sicherheit hingen die Siegel einst an Dokumenten (Urkunden) aus Pergament bzw. Papier. Ein großer Teil dieser Urkunden dürfte aus dem Archiv des Heilig-Geist-Spitals stammen. Dieses erste Bürgerspital von Bozen, gegründet in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts, befand sich bis 1859 ungefähr an der Stelle, wo heute das Hauptpostamt steht, gegenüber der Fassade des Doms. Das Bürgerspital war eine öffentliche Einrichtung unter der Aufsicht der Stadt.

Die Urkunden (Verträge) sollten die Pflege garantieren, Schenkungen an das Spital, oder Danksagungen für erhaltene Hilfe und Heilung sein. Das Heilig-Geist-Spital in Bozen war über viele Jahrhunderte einer der größten Weinproduzenten im Einzugsgebiet der oberen Etsch; es war der bedeutendste Betrieb vor Ort, daher die vielen Akten von Transaktionen unterschiedlicher Art der Spitalsinsassen.

Vermutlich um 1859, vielleicht im Zuge des ersten Standortwechsels des Spitals, wurden die älteren Archivdokumente kaum mehr beachtet, der Bestand löste sich auf und die Siegel wurden von den Urkunden abgeschnitten. Nach Reformen in der Rechtspflege der Habsburger-Monarchie war damals, um die Mitte des 19.Jahrhunderts, die Rechtsauffassung von der Einheit von Dokument und Siegel offensichtlich nicht mehr wirksam, während das moderne Denkmalpflege-Konzept, ein Dokument möglichst in seiner Integrität zu bewahren, sich noch nicht verbreitet hatte.

Bereits um 1870 wurde berichtet, dass viele Urkunden verkauft und abgegeben worden waren; damals gelangte ein Teil der inzwischen abgeschnittenen Siegel durch Erwerb von Händlern in die Bozner Privatsammlung von Zallinger. Es handelte sich dabei überwiegend um Siegel von Bozner Bürgern; diese kamen mit dem Ableben von Michael von Zallinger in das Bozner Museum. Dort begann der Präsident des Museumsvereins, Baron Georg von Eyrl, sie zu beschreiben und zu studieren. Zwischen 1929 und 1948 veröffentlichte er in der Zeitschrift “Der Schlern” fünf Artikel, in denen er die Schriftzüge jedes einzelnen Siegels genau beschrieb und auch eine Datierung der Siegel versuchte. Die meisten Siegel sind rund, es gibt aber auch ovale Siegel. Der weltliche (rund) oder geistliche Stand (oval) der siegelnden Person oder Körperschaft bestimmt den Umriss des Siegels. Es gibt auch Abdrücke in Siegellack.

Vorstellung im Bozner Stadtmuseum
Siegel im Stadtmuseum
Josef Nössing, Gerald Mayr, Carla Giacomozzi und Stefan Demetz
Ein kleiner Teil der Siegelsammlung
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